Achtsamkeitstrainerin, Bewegungscoach und angehende Heilpraktikerin für Psychotherapie

Die Klimakrise verändert nicht nur unsere Umwelt. Sie verändert auch unseren Blick auf das Vertraute.


Früher habe ich Wetter einfach als Wetter wahrgenommen. Heute blicke ich anders auf vieles. Doch es sind gar nicht die großen Katastrophenmeldungen, die mich am meisten bewegen. Es sind die leisen Veränderungen im Vertrauten. Wenn ich aus dem Fenster schaue oder durch eine Landschaft gehe, die mich seit Jahrzehnten begleitet. Ein Bach, der ungewöhnlich wenig Wasser führt. Wiesen, die schon im Frühsommer trocken wirken. Oder die ersten warmen Tage, die immer früher kommen. Natürlich freue ich mich über einen warmen Frühlingstag oder einen sonnigen Herbst. Doch wenn Hitzerekorde, Waldbrände oder Überschwemmungen zur Normalität werden, bleibt ein Gefühl zurück, das sich schwer beschreiben lässt. Keine Panik. Eher eine leise Beklemmung. Um die Natur, die ich liebe. Um Orte, die mich geprägt haben. Und vor allem um die Welt, in der unsere Kinder und Enkelkinder leben werden.


Es hat mich beruhigt zu erfahren, dass dieses Empfinden einen Namen hat: Eco-Anxiety. Ein sperriger Begriff für etwas zutiefst Menschliches – für die tiefe Verbundenheit mit dem, was uns am Herzen liegt. Und für das Gefühl, mit diesen Gedanken nicht allein zu sein.


Ein Gefühl mit Namen


Der Begriff Eco-Anxiety klingt zunächst, als ginge es ausschließlich um Angst. Tatsächlich beschreibt er weit mehr als das. Manche Menschen empfinden Traurigkeit oder Ohnmacht, andere verspüren Verunsicherung. Vielen gemeinsam ist die sorgenvolle Frage, wie sich unsere Welt in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird.


Die American Psychological Association (APA) beschreibt Eco-Anxiety als eine verständliche Reaktion auf die Folgen des Klimawandels – nicht als eigenständige psychische Erkrankung. Eco-Anxiety findet sich daher in keinem Diagnosehandbuch.


Erinnerungen verändern unseren Blick


Warum uns die Folgen des Klimawandels so tief berühren, hat nicht nur mit dem zu tun, was wir heute beobachten. Es hat auch mit unserer Erinnerung zu tun. Unsere Erinnerungen sind mehr als Bilder aus der Vergangenheit. Sie bilden einen inneren Maßstab, mit dem wir unbewusst vergleichen, was wir heute erleben. Wer viele Jahrzehnte gelebt hat, trägt einen reichen Erfahrungsschatz in sich: den ersten Schnee, vertraute Spazierwege oder Sommerferien am See. Solche Erinnerungen prägen unsere Wahrnehmung – oft, ohne dass wir es bemerken. Deshalb berühren uns manche Entwicklungen tiefer, als Zahlen oder Statistiken es vermögen. Nicht, weil früher alles besser war. Sondern weil Vertrautes Teil unserer eigenen Lebensgeschichte geworden ist.


Was wir vermissen, ist oft mehr als ein Ort oder eine Jahreszeit. Es ist das Gefühl von Verlässlichkeit – die Erfahrung, dass manches über viele Jahre gleich geblieben ist und heute nicht mehr selbstverständlich erscheint.


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Wenn Gedanken zu viel Raum einnehmen


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Dass uns die Folgen des Klimawandels beschäftigen, ist verständlich. Doch manchmal werden aus nachdenklichen Momenten Gedankenspiralen, die den Alltag bestimmen. Nachrichten kreisen immer wieder im Kopf, Schlaf und Konzentration leiden oder es entsteht das Gefühl, den Entwicklungen hilflos gegenüberzustehen. Vielleicht lohnt es sich dann, für einen Moment innezuhalten und ehrlich auf das eigene Empfinden zu schauen.


Nehmen diese Gedanken immer mehr Raum ein? – Bleibt daneben noch Platz für Freude, Leichtigkeit und Zuversicht? – Oder bestimmen sie bereits den Blick auf den Tag?


Wie viel Belastung ein Mensch tragen kann, ist sehr unterschiedlich. Entscheidend ist nicht, wie stark uns die Veränderungen berühren, sondern ob sie unser Leben dauerhaft einengen. Wenn das der Fall ist, muss niemand damit allein bleiben. Gespräche mit Familie oder Freunden können entlasten – ebenso wie professionelle Unterstützung.


Zwischen Anteilnahme und Gelassenheit


Die Klimakrise werden wir als Einzelne nicht lösen. Trotzdem sind wir ihr nicht hilflos ausgeliefert. Kleine Schritte verändern zwar nicht die Welt auf einen Schlag. Doch können sie unser Gefühl von Selbstwirksamkeit stärken und uns zu einer gelasseneren Haltung führen.


🌿 Was jetzt guttun kann



  1. Nachrichten bewusst dosieren: Informiert zu sein ist wichtig – ständig erreichbar für schlechte Nachrichten zu sein, nicht. Es kann helfen, feste Zeiten für Nachrichten einzuplanen, statt den ganzen Tag Push-Meldungen zu verfolgen. Wer merkt, dass bestimmte Formate besonders belasten, darf sich davon bewusst distanzieren.



  1. Den eigenen Handlungsspielraum nutzen: Ohnmacht gehört zu den belastendsten Seiten der Eco-Anxiety. Umso wichtiger ist es, den Blick auf das zu richten, was wir beeinflussen können – sei es mit heimischen Pflanzen auf dem Balkon, bewussten Kaufentscheidungen oder einem Engagement vor Ort. Es geht nicht darum, die Welt allein zu verändern, sondern sich als handlungsfähig zu erleben.



  1. Erfahrungen weitergeben: Wer viele Jahrzehnte gelebt hat, weiß aus eigener Erfahrung, dass schwierige Zeiten überwunden werden können. Dieses Wissen mit Kindern oder Enkeln zu teilen, kann Mut machen – den Jüngeren ebenso wie einem selbst.



  1. Trauer zulassen: Wenn sich Vertrautes verändert oder verschwindet, darf das traurig machen. Solche Gefühle brauchen keine Rechtfertigung. Oft verlieren sie an Schwere, wenn wir ihnen Raum geben und darüber sprechen.



  1. Dem Körper Gutes tun: Bewegung, ausreichend Schlaf und Zeit in der Natur helfen nicht nur beim Abschalten. Sie können auch körperliche Stressreaktionen mindern und das innere Gleichgewicht stärken. Manchmal ist ein Spaziergang mehr als Bewegung – er ist eine Form der Selbstfürsorge.



  1. Sinn statt Kontrolle suchen: Nicht alles liegt in unserer Hand. Das anzuerkennen bedeutet nicht aufzugeben. Oft entsteht Zuversicht dort, wo wir unseren Blick von der vollständigen Kontrolle auf den eigenen Beitrag richten.


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Wie unsere Welt in einigen Jahrzehnten aussehen wird, weiß niemand. Wie wir ihr begegnen, können wir jedoch mitentscheiden. Dass uns die Veränderungen unserer Welt bewegen, ist etwas zutiefst Menschliches. Es zeigt, wie sehr uns die Natur, vertraute Orte und die Menschen, die nach uns kommen, am Herzen liegen. Gerade darin liegt die Kraft, die Herausforderungen unserer Zeit mit Hoffnung und Gelassenheit zu begehen.


Denn am Ende trägt uns nicht Gleichgültigkeit, sondern die Verbundenheit mit der Welt, in der wir leben.


Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Beratung. Bei akuten psychischen Belastungen oder Krisen wende dich bitte an eine Ärztin, einen Arzt, eine Therapeutin oder einen Therapeuten deines Vertrauens.

Auf einen Blick

✔️ Eco-Anxiety ist eine nachvollziehbare Reaktion auf die Folgen des Klimawandels.


✔️ Erinnerungen verändern unseren Blick auf Landschaften, Jahreszeiten und die Natur.


✔️ Verbundenheit statt Schwäche: Gefühle wie Traurigkeit oder Verunsicherung zeigen, wie wichtig uns unsere Umwelt ist.


✔️ Gelassenheit heißt nicht Wegsehen, sondern bewusst mit den Herausforderungen unserer Zeit umzugehen.


✔️ Zuversicht entsteht durch Handeln – auch kleine Schritte können das Gefühl stärken, nicht ohnmächtig zu sein.

Quellenverweise


  1. American Psychological Association (APA): Mental Health and Our Changing Climate – Impacts, Implications, and Guidance (2017, aktualisierte Informationen auf der APA-Website). Ein Grundlagenbericht zu den psychischen Auswirkungen des Klimawandels.

  2. Glenn Albrecht (2005): Solastalgia. A New Concept in Health and Identity. Philosophie und Umweltpsychologie. Einführung des Begriffs Solastalgia.

  3. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sowie das Robert Koch-Institut (RKI): Informationen zu psychischer Gesundheit und Resilienz.

  4. Mayer, F. S. & Frantz, C. M. (2004). The Connectedness to Nature Scale: A Measure of Individuals‘ Feeling in Community with Nature. Journal of Environmental Psychology.

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