Heilpraktikerin für Psychotherapie Faszination Seele

Wie seelischer Schmerz langsam heilen darf


Als Lisa sich über das Grab ihres Papas beugte, um die Bepflanzung zu erneuern, gingen ihr nicht nur viele Gedanken durch den Kopf, sondern schon wieder liefen die Tränen. Eigentlich wollte sie heute an diesem sonnigen Frühlingstag nur schnell neue Blumen setzen und danach weiterfahren. Doch dieser Ort ließ nichts davon zu. Seit sieben Jahren kam sie hierher und noch immer fühlte es sich an, als würde etwas in ihr zusammenbrechen. Während ihre Hände in der Erde gruben, spürte sie den Schmerz wieder wie am ersten Tag. Ihr Vater war damals völlig unerwartet aus dem Leben gerissen worden, als ein Auto ihn erfasste. Lisa war gerade einmal zwanzig Jahre alt gewesen.


Mit einem einzigen Augenblick hatte sich alles verändert. Nicht nur ihr Papa war plötzlich fort. Auch ihre Zukunft schien mit ihm zu verschwinden. Das geplante Architekturstudium wurde unmöglich, weil finanzielle Sorgen die Familie überrollten. Gleichzeitig fühlte sie sich verantwortlich für ihre Mutter, die nach dem Verlust kaum noch Halt fand. Seitdem lebte Lisa irgendwie weiter, aber oft hatte sie das Gefühl, innerlich stehen geblieben zu sein. So, als würde sie in einem Leben laufen, das nie wirklich ihres geworden war.


Freunde rieten ihr zu einer Therapie oder einer Trauergruppe. Ärzte empfahlen Gespräche und Unterstützung. Doch Lisa zog sich immer mehr zurück. Sie glaubte nicht daran, dass jemand diesen Schmerz wirklich verstehen könnte. Während sie die Blumen einsetzte, spürte sie plötzlich wieder diese Wut, die sie seit Jahren begleitete. Wut auf das Leben. Wut auf die Ungerechtigkeit. Wut darüber, dass einfach alles weiterlief, obwohl ihre Welt damals aufgehört hatte, dieselbe zu sein.


Zur gleichen Zeit klappte Marie in einer anderen Stadt ihren Laptop zu und lehnte sich erschöpft, aber zufrieden zurück. Gerade hatte sie ein wichtiges Projekt in ihrem neuen Beruf abgeschlossen. Noch vor einigen Jahren hätte sie niemals gedacht, dass ihr Leben einmal so aussehen würde. Eigentlich hatte sie sich eine ganz andere Zukunft vorgestellt. Ein ruhiges Familienleben mit ihrem Mann, vielleicht Kindern, einem gemeinsamen Zuhause. Doch dann starb ihr Mann völlig unerwartet und riss alle Pläne mit sich.


Auch Marie hatte dunkle Jahre erlebt. Jahre voller Einsamkeit, Überforderung und tiefer Trauer. Doch irgendwann traf sie eine Entscheidung: Sie wollte nicht für immer in ihrem Schmerz verloren gehen. Sie nahm Hilfe an. Sie sprach über ihre Gefühle. Sie schloss sich einer Trauergruppe an. Sie reiste alleine durch Australien und schrie ihre Verzweiflung in die Weite der Landschaft hinaus. Und langsam begann etwas Neues in ihr zu wachsen.Natürlich vermisste sie ihren Mann noch immer. Natürlich gab es Tage, an denen der Schmerz plötzlich zurückkehrte. Doch sie hatte gelernt, dass Heilung nicht bedeutet, zu vergessen.


Heilung bedeutete für sie, dem Leben wieder zu erlauben, durch sie hindurchzufließen.


Heute fühlte sie sich nicht mehr wie ein Mensch, der nur überlebt. Sondern wie jemand, der wieder Wurzeln geschlagen hatte.


Zwei Frauen. Zwei Lebensgeschichten. Zwei Wege, mit seelischem Schmerz umzugehen.Vielleicht erkennst du dich eher in Lisa wieder. Vielleicht eher in Marie. Vielleicht auch in beiden.


„Ich bin nicht das, was mir passiert ist. Ich bin das, was ich entscheide zu werden.“
– Carl Gustav Jung


Wenn Schmerz das ganze Leben verändert


Doch warum finden manche Menschen langsam zurück ins Leben, während andere noch Jahre später unter ihrem Schmerz zusammenbrechen? Und heilt die Zeit wirklich alle Wunden? Oder braucht Heilung mehr als das bloße Vergehen von Monaten und Jahren?


Die Forschung zeigt inzwischen recht deutlich, dass Zeit alleine seelische Verletzungen nicht automatisch heilt. Zwar nimmt die Intensität vieler Gefühle mit der Zeit ab, doch schwere Verluste oder traumatische Erfahrungen können weiterhin im Inneren wirken, wenn sie nicht verarbeitet werden. Verschiedene Studien zeigen, dass Menschen nach schweren Krisen häufiger unter Depressionen, Ängsten oder anhaltenden Belastungsreaktionen leiden, besonders dann, wenn sie mit ihrem Schmerz dauerhaft alleine bleiben. Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch therapeutische Hilfe braucht. Viele Erfahrungen verarbeitet unsere Seele tatsächlich aus eigener Kraft. Vor allem dann, wenn unser inneres Fundament stabil ist und ein Ereignis uns zwar traurig macht, aber nicht vollständig erschüttert.  


Vielleicht bekommen wir einen Job nicht, der uns wichtig war. Vielleicht endet eine Freundschaft oder wir müssen lernen, mit einer gesundheitlichen Einschränkung zu leben. Auch solche Erfahrungen tun weh und brauchen Zeit. Doch oft bleiben Hoffnung, Vertrauen und Zukunftsperspektiven erhalten.


Anders verhält es sich bei großen Lebensbrüchen. Wenn ein geliebter Mensch stirbt. Wenn eine Partnerschaft zerbricht. Wenn wir ungewollt kinderlos bleiben. Wenn eine schwere Krankheit oder finanzielle Not alles verändert. Dann verlieren wir oft nicht nur einen Menschen, einen Traum oder eine Sicherheit.


Wir verlieren ein Stück unserer bisherigen Identität


Manche Menschen trauern nicht nur um das, was war, sondern auch um das Leben, das sie eigentlich führen wollten. Genau deshalb verlaufen Trauerprozesse so unterschiedlich. Während manche langsam wieder Boden unter den Füßen finden, bleiben andere innerlich wie eingefroren. Allerdings nicht, weil sie schwächer wären, sondern weil jeder Mensch andere Erfahrungen, andere Schutzmechanismen und andere innere Ressourcen mitbringt.


Auch die offiziellen Diagnosemodelle versuchen, Trauer und Belastungsreaktionen einzuordnen. Im internationalen Klassifikationssystem ICD wird beispielsweise beschrieben, dass sich Menschen nach belastenden Lebensereignissen innerhalb eines gewissen Zeitraums wieder an die neue Situation anpassen. In der Praxis erlebe ich jedoch immer wieder, dass Trauer sich selten an feste Zeiträume hält. Manche Menschen funktionieren zunächst erstaunlich gut und brechen erst viel später zusammen. Andere erleben ihre Gefühle sofort mit voller Wucht. Wieder andere fühlen fast gar nichts und wundern sich darüber, warum sie innerlich wie betäubt sind.


Trauer verläuft also selten ordentlich oder logisch. Es gibt Tage, an denen plötzlich wieder alles weh tut, obwohl man glaubte, längst weiter zu sein. Ein Geruch, ein Lied oder ein bestimmter Ort reichen manchmal aus, um den Schmerz wieder ganz nah werden zu lassen.


Gefühle verschwinden nicht, wenn wir sie verdrängen


Und doch glaube ich: Jeder Schmerz möchte gesehen und gefühlt werden. Was dauerhaft verdrängt wird, wirkt oft im Verborgenen in unseren Beziehungen, unseren Entscheidungen und unserem Blick auf das Leben weiter. Viele Menschen versuchen jedoch genau das zu vermeiden. Sie funktionieren. Sie lenken sich ab. Sie möchten stark sein. Vielleicht auch deshalb, weil sie Angst haben, an ihren Gefühlen zu zerbrechen. Dabei hilft vielleicht folgendes Bild:


Ein Gefühl ist wie ein Kind


Ein Gefühl ist wie ein Kind, das in uns lebt und weint und lacht, Hunger hat und bemerkt sein will. Wer zu seinem Gefühl zu oft sagt: „Sei still, ich habe jetzt keine Zeit für dich“ – dessen inneres Kind sitzt eines Tages in einer vergessenen Ecke und trauert, wird krank und verkümmert.


Mit Gefühlen soll man umgehen, wie man mit einem Kind umgeht. Man sieht ihm freundlich und aufmerksam zu. Man hört, was es klagt. Man leidet mit ihm, wenn es leidet.


Denn Gefühle sind die lebendigsten Kräfte in uns.


Ein Kind hat auch Wünsche, die sich nicht erfüllen lassen. Dann nehmen wir es auf den Arm und sind mit ihm traurig. Aber wir schicken es nicht weg.


Ein Kind kann verstehen, dass es nicht alles haben kann. Aber lieben muss man es.


Aus: „Was bleibt, stiften die Liebenden“ von Jörg Zink


Vielleicht liegt darin ein wichtiger Schlüssel. Trauer wird oft nicht deshalb leichter, weil der Schmerz verschwindet, sondern weil wir aufhören, gegen ihn anzukämpfen. Weil wir lernen, mit unseren Gefühlen zu sein, statt sie ständig wegdrücken zu müssen.


Und genau dabei braucht niemand dauerhaft alleine zu bleiben.


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In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, wie heilsam es sein kann, wenn Menschen endlich einen geschützten Raum finden, in dem sie ehrlich fühlen dürfen. Ohne bewertet zu werden. Ohne funktionieren zu müssen. Ohne den Druck, schnell wieder „normal“ sein zu sollen.


Was Menschen in schweren Zeiten tragen kann


Manche Menschen brauchen Gespräche. Andere brauchen Bewegung, Kreativität oder Stille. Wieder andere finden Halt in Spiritualität oder in dem Gefühl, von etwas Größerem getragen zu sein. Es gibt nicht den einen richtigen Weg durch eine Krise. Aber es gibt Wege, die uns unterstützen können.



  • Sehr vielen Menschen hilft es, über das Erlebte zu sprechen mit Freunden, Familienmitgliedern, in Trauergruppen oder im Rahmen einer therapeutischen Begleitung. Schmerz verliert oft einen Teil seiner Macht, wenn er geteilt werden darf.

  • Auch Schreiben kann ein wertvoller Weg sein. Der Psychologe James Pennebaker beschäftigte sich intensiv mit dem sogenannten expressiven Schreiben. Dabei werden belastende Gefühle über mehrere Tage hinweg frei aufgeschrieben, ohne Rücksicht auf Grammatik oder Formulierungen. Viele Menschen erleben dadurch mehr innere Klarheit und emotionale Entlastung.


Andere finden Zugang über den Körper. Trauer sitzt nicht nur im Kopf. Oft speichert auch der Körper Erfahrungen, für die es keine Worte gibt. Manche Menschen spüren regelrechten Druck im Brustkorb, Enge beim Atmen oder eine tiefe Erschöpfung.



  • Sanfte Bewegungsformen wie Yoga können helfen, den Körper wieder bewusster wahrzunehmen und angestaute Gefühle langsam in Bewegung zu bringen. Besonders ruhige Formen wie Yin Yoga schaffen oft einen geschützten Raum, in dem Emotionen auftauchen dürfen, ohne überwältigend zu werden.

  • Auch kreativer Ausdruck kann heilsam sein. Farben, Formen oder Musik erreichen manchmal Ebenen in uns, die Sprache alleine nicht berühren kann.

  • Und schließlich gibt es Menschen, die Trost darin finden, sich nicht nur als rein rationales Wesen zu begreifen. Sie erleben es als hilfreich, sich innerlich verbunden zu fühlen mit der Natur, mit ihrem Glauben oder mit einer tieferen Ebene des Lebens, die sich nicht vollständig erklären lässt.

  • Auch Aromatherapie oder energetische Methoden können manche Menschen dabei unterstützen, wieder sanfter mit sich selbst in Kontakt zu kommen. Ätherische Öle wirken beispielsweise direkt auf das limbische System, also auf jenen Bereich unseres Gehirns, der eng mit Emotionen und Erinnerungen verbunden ist. Viele Betroffene erleben Düfte deshalb nicht nur als angenehm, sondern auch als emotional öffnend und beruhigend.

  • Energiearbeit wiederum wird von vielen Menschen als sanfte Unterstützung erlebt, um wieder mehr innere Ruhe, Verbindung und Lebendigkeit zu spüren.


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Wichtig ist dabei vor allem eines: dass du dich mit einem Weg wohlfühlst. Nicht jede Methode passt zu jedem Menschen. Und nicht jede Unterstützung fühlt sich im richtigen Moment stimmig an. Entscheidend ist weniger die „perfekte Technik“ als vielmehr das Gefühl, gesehen, verstanden und sicher zu sein.


Denn Heilung geschieht selten in Isolation


Vielleicht heilt die Zeit tatsächlich nicht alle Wunden. Aber Zeit kann etwas anderes tun: Sie kann uns Raum geben. Raum zum Fühlen. Raum zum Reifen. Raum, um Hilfe anzunehmen. Raum, um langsam wieder Vertrauen ins Leben zu entwickeln.Und manchmal wächst aus einem tiefen Schmerz nicht derselbe Mensch hervor, der wir früher einmal waren, sondern ein neuer. Ein Mensch, der weicher geworden ist. Wahrhaftiger. Mitfühlender. Klarer darüber, was wirklich zählt.


Ich habe in meiner Praxis und auch im Leben immer wieder erlebt, dass Menschen selbst nach schweren Krisen wieder aufblühen können. Und zwar nicht, weil sie vergessen haben oder auf einmal alles gut wurde. Vielmehr weil sie gelernt haben, ihrem Schmerz einen Platz im Leben zu geben, ohne sich von ihm vollständig bestimmen zu lassen.


Auf meine Eingangsfrage zu antworten: Nein, Zeit heilt nicht alle Wunden. Aber wenn wir bereit sind, uns begleiten zu lassen, unseren Gefühlen Raum zu geben und Schritt für Schritt wieder Verbindung zu uns selbst aufzubauen, kann aus tiefem Schmerz tatsächlich neues Leben entstehen.

Auf einen Blick


  • Zeit alleine heilt seelische Wunden nicht automatisch. Entscheidend ist, wie wir mit unseren Gefühlen und Erfahrungen umgehen.

  • Trauer verläuft nicht linear und hält sich selten an feste Zeiträume. Jeder Mensch verarbeitet Verluste auf seine eigene Weise.

  • Große Lebenskrisen erschüttern oft nicht nur unsere Gefühle, sondern auch unsere Identität, Zukunftspläne und unser Sicherheitsgefühl.

  • Verdrängte Emotionen verschwinden nicht einfach. Sie wirken häufig unbewusst in Beziehungen, Gedanken und Entscheidungen weiter.

  • Gefühle brauchen Raum, Aufmerksamkeit und Mitgefühl. Heilung beginnt oft dort, wo wir aufhören, gegen unseren Schmerz anzukämpfen.

  • Unterstützung kann ein wichtiger Schlüssel sein. Gespräche, therapeutische Begleitung, kreativer Ausdruck, Körperarbeit oder spirituelle Zugänge helfen vielen Menschen, wieder in Verbindung mit sich selbst zu kommen.

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